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«Wie Seiten eines Geschichtsbuchs»
Pollen sind vor allem als Auslöser von Heuschnupfen bekannt. Für die Forschung sind sie jedoch wertvolle Zeitzeugen: In See- und Moorsedimenten bleiben sie über Jahrtausende erhalten und dokumentieren, wie sich Landschaften, Klima und menschliche Nutzung verändert haben. Der Paläoökologe Dr. Fabian Rey erklärt im Interview, was die winzigen Körner über 7000 Jahre Landschaftsgeschichte im Schweizer Mittelland verraten.

Interview mit Dr. Fabian Rey
Paläoökologe
Die meisten Menschen verbinden Pollen mit Heuschnupfen. Sie nutzen Pollen, um die Geschichte von Landschaften und menschlichen Siedlungen zu rekonstruieren. Wie funktioniert das?
Jede Pflanze produziert Pollenkörner mit einer charakteristischen Form. Gelangen sie auf den Grund eines Sees, werden sie im Sediment Schicht für Schicht konserviert (wie Seiten eines Geschichtsbuchs). Indem wir die Pollenzusammensetzung jeder Schicht bestimmen und datieren, können wir rekonstruieren, welche Pflanzen in einer Region wuchsen und wie sich Landschaft, Klima und Landnutzung über Jahrtausende verändert haben.
Was konnten Sie anhand der Pollensedimente aus dem Moossee, dem Burgäschisee und dem Hüttwilersee über die Entwicklung der Landschaft im Schweizer Mittelland herausfinden?
Unsere Daten zeigen, wie sich das Mittelland nach der letzten Eiszeit von einer offenen Tundra zu dichten Wäldern entwickelte. Mit den ersten Bäuerinnen und Bauern begann sich die Landschaft zu öffnen: Wälder wurden gerodet, Äcker und Weiden entstanden. Seither wechseln sich Phasen intensiver Nutzung und Wiederbewaldung ab. Die heutige Kulturlandschaft ist somit das Ergebnis von über 7000 Jahren Mensch-Umwelt-Geschichte.
Warum eignen sich gerade Pollenkörner so gut, um Veränderungen in der Umwelt über Jahrtausende hinweg nachzuweisen?
Pollenkörner besitzen eine äusserst widerstandsfähige Hülle und bleiben unter Sauerstoffabschluss in Seesedimenten oft über viele Jahrtausende erhalten. Da jede Pflanzenart ihren eigenen Pollen produziert, lassen sich frühere Wälder, Wiesen oder Äcker erstaunlich genau rekonstruieren. Gleichzeitig entsteht in Seen eine lückenlose zeitliche Abfolge, wodurch Veränderungen oft bis auf wenige Jahrzehnte genau datiert werden können.
Welche Hinweise auf menschliche Aktivitäten und frühe Besiedlungen lassen sich in den Pollenfunden erkennen?
Mit dem Beginn der Landwirtschaft erscheinen erstmals Getreidepollen und typische Ackerunkräuter im Sediment. Gleichzeitig nehmen Baumpollen ab (ein Hinweis auf Rodungen). Ergänzend liefern Holzkohlepartikel Hinweise auf Feuer und Pilzsporen aus Tierdung auf Viehhaltung. So lassen sich Siedlungsphasen, landwirtschaftliche Intensivierungen oder auch Krisenzeiten wie die Pest direkt in den Sedimenten erkennen.
Wenn Sie sich eine Erkenntnis aus Ihrer Forschung für die breite Öffentlichkeit wünschen könnten: Was sollten wir alle über Pollen wissen?
Pollen erzählen weit mehr als nur etwas über Allergien. Sie gehören zu den wichtigsten natürlichen Archiven unserer Umweltgeschichte und zeigen eindrücklich, wie eng Mensch und Natur seit Jahrtausenden miteinander verbunden sind. Unsere Forschung zeigt zudem, dass traditionelle, vielfältige Kulturlandschaften die Pflanzenvielfalt oft gefördert haben, während sie unter der modernen Intensivlandwirtschaft vielerorts wieder zurückgeht.
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