«Die Grösse des Insekts ist nicht entscheidend»
Nadia Ramseier erklärt, wann ein Stich gefährlich werden kann und weshalb die Grösse des Insekts für die Stärke der allergischen Reaktion keine entscheidende Rolle spielt.

Nadia Ramseier
Expertin aha! Allergiezentrum Schweiz
Wieso reagieren einige Personen allergisch auf Insektenstiche und andere nicht?
Bei einer Insektengiftallergie stuft das Immunsystem bestimmte Eiweisse im Gift fälschlicherweise als gefährlich ein. Nach einer Sensibilisierung – d.h. nach einem ersten Kontakt - kann bereits ein einzelner Stich eine überschiessende Abwehrreaktion auslösen. Warum manche Menschen betroffen sind und andere nicht, ist nicht vollständig geklärt.
Wie äussern sich die allergischen Reaktionen? Was sind typische Symptome?
Eine allergische Reaktion ist nicht mit einer starken lokalen Reaktion zu verwechseln. Typisch sind Nesselfieber, Schwellungen und Juckreiz am ganzen Körper, Übelkeit oder Erbrechen. Bei schweren Reaktionen kommen Schwindel, Atemnot, Herzrasen, Blutdruckabfall oder Bewusstlosigkeit hinzu. Die Beschwerden beginnen meist innerhalb von Minuten nach dem Stich.
Welche Massnahmen sollten Allergiker treffen, wenn sie gestochen wurden? Unter welchen Umständen besteht Lebensgefahr und was ist dann zu tun?
Allergiker sollten ihr Notfallset stets dabeihaben und die verordneten Medikamente nach einem Stich sofort einnehmen. Treten Atemnot, Kreislaufbeschwerden oder Bewusstseinsstörungen auf, muss umgehend Adrenalin angewendet und der Notruf 144 alarmiert werden. Dann besteht Lebensgefahr durch Anaphylaxie.
Die Stiche welcher Insektenarten rufen besonders häufig allergische Reaktionen hervor und warum?
In der Schweiz sind Bienen- und Wespenstiche die häufigsten Auslöser schwerer allergischer Reaktionen. Ihr Gift enthält Eiweisse (Allergene), gegen die sich bei empfindlichen Personen spezifische IgE-Antikörper bilden können. Bei einem erneuten Stich kann dies zu einer allergischen Reaktion bis hin zur Anaphylaxie führen. Hornissen gehören biologisch ebenfalls zu den Wespen. Wichtig: wer auf Bienengift allergisch reagiert, reagiert nicht automatisch auch auf Wespen- oder Hornissengift allergisch.
Viele Leute wissen nicht, dass auch Hummeln stechen können. Unter welchen Umständen stechen diese und wie stark ist deren Gift?
Hummeln sind friedlich und stechen meist nur, wenn sie sich bedroht fühlen, gequetscht oder ihr Nest gestört wird. Im Gegensatz zu Honigbienen können Hummeln mehrfach stechen, da ihr Stachel keine Widerhaken besitzt. Ihr Gift ähnelt dem von Honigbienen. Für Allergiker kann auch ein Hummelstich eine relevante oder sogar schwere allergische Reaktion auslösen.
Inwieweit ist auch die Grösse des Insekts bei der Stärke der allergischen Reaktion entscheidend?
Die Grösse des Insekts ist für die Stärke der allergischen Reaktion nicht entscheidend. Bei Betroffenen kann bereits eine sehr kleine Menge Gift eine schwere allergische Reaktion auslösen. Das Gift der Hornisse ist also nicht giftiger. Mehrere Stiche führen jedoch zu einer höheren Dosis und können stärkere Reaktionen verursachen.
Haben Umwelteinflüsse wie zum Beispiel das Klima Einfluss auf die Stärke einer allergischen Reaktion?
Klima und Wetter beeinflussen vor allem Aktivität und Verbreitung von Insekten und damit das Stichrisiko. Die Stärke einer allergischen Reaktion wird jedoch primär durch die individuelle Empfindlichkeit und die Immunreaktion der betroffenen Person bestimmt.
Können auch die Stiche von blutsaugenden Insekten wie Mücken, Schnaken, Bremsen und Flöhe allergische Reaktionen auslösen? Und falls ja: Wie äussern sich diese und wie gefährlich sind sie?
Stiche oder Bisse dieser Insekten können starke lokale Schwellungen, Rötungen und Juckreiz auslösen. Schwere allergische Allgemeinreaktionen sind deutlich seltener als bei Bienen- oder Wespenstichen, kommen aber vereinzelt vor und sollten ärztlich abgeklärt werden.
Können auch Haustiere wie Hunde und Katzen allergisch auf Insektenstiche reagieren?
Ja. Hunde und Katzen können auf Insektenstiche allergisch reagieren. Typische Anzeichen sind Schwellungen, Juckreiz, Hautreaktionen oder Atemprobleme. Bei starken Beschwerden oder Schwellungen im Kopf- und Halsbereich sollte rasch tierärztliche Hilfe gesucht werden.
Vorbeugen ist bekanntlich besser als heilen. Wie verhindert man Insektenstiche am besten?
Keine süssen Speisen oder Getränke offen stehen lassen, nicht barfuss über Wiesen laufen, hektische Bewegungen vermeiden und im Freien auf gedeckte Kleidung achten. Allergiker sollten zudem ihr Notfallset immer bei sich tragen und sich über eine spezifische Immuntherapie beraten lassen.
Dieses Interview führte Sacha Beuth. Es erschien erstmals am 17. Juni 2026 im Tagblatt der Stadt Zürich und wird mit freundlicher Genehmigung auf dieser Website veröffentlicht. Die französische Übersetzung wurde von uns erstellt.