Umgang mit allergieauslösenden Baustoffen
Muffiger Geruch, aber kein Schimmel in Sicht? Beschwerden wie Husten oder Augenbrennen, die immer dann auftreten, wenn man zuhause ist? Einige Klebstoffe, Farben oder PVC-Böden können Schadstoffe abgeben, die Allergiker:innen zusetzen, auch Schimmel ist ein häufiger Auslöser. Im Interview erklärt Professorin Joëlle Goyette Pernot, wie sich die Raumluft mit einfachen Mitteln verbessern lässt – und was Betroffene tun können, wenn der Verdacht auf die eigenen vier Wände fällt.

Interview mit Dr. Joëlle Goyette Pernot
Professorin, Radonbeauftragte des Bundesamtes für Gesundheit für die Westschweiz / Präsidentin des Observatoire romand et tessinois de la qualité de l’air intérieur (ORTQAI)
Welche Baustoffe sind aus gesundheitlicher Sicht und im Hinblick auf Allergien besonders kritisch?
Die gesundheitlich kritischsten Baustoffe, insbesondere im Zusammenhang mit Allergien, sind zweifellos emissionsrelevante Materialien. Dabei handelt es sich um Materialien, die flüchtige oder halbflüchtige organische Verbindungen abgeben. Dazu zählen beispielsweise Klebstoffe, Farben, Dichtungsmassen, Platten aus Holzwerkstoffen sowie PVC-Bodenbeläge. Aus diesem Grund ist es wichtig, fundierte Entscheidungen zu treffen und sich dabei auf Produktkennzeichnungen zu stützen, die Aufschluss darüber geben, inwieweit das Produkt gesundheits- und/oder umweltverträglich ist.
Schimmel ist für viele Menschen ein grosses Problem, insbesondere für Allergiker. Welche Bedingungen begünstigen die Schimmelbildung und was sind die ersten Anzeichen?
Schimmelpilze sind lebende Organismen, die Umgebungen bevorzugen, in denen sie Feuchtigkeit und Nährstoffe vorfinden – entscheidende Voraussetzungen –, sowie Temperaturen, einen leicht sauren pH-Wert und Lichtverhältnisse, die für sie günstig sind. Die optimale Wachstumsschwelle für Schimmelpilze liegt bei einer relativen Luftfeuchtigkeit zwischen 80 und 95 Prozent. Letztere ist für die Bildung und Keimung der Sporen sowie für die Entwicklung des Myzels (Netzwerk des Pilzes) unerlässlich. Die optimalen Temperaturen für das Wachstum von Schimmelpilzen liegen zwischen 30 und 45 °C. Licht ist für ihr Wachstum nicht erforderlich, und sie benötigen nur wenig Sauerstoff. Sie sind in unserer Innen- und Aussenumgebung allgegenwärtig, doch einige von ihnen können Mykotoxine (Schimmelpilzgifte) und flüchtige Substanzen bilden, die äusserst schädlich für unsere Gesundheit sind. Sie siedeln sich bevorzugt an Wänden, Gipsplatten oder -paneelen, Möbeln, Textilien, Tapeten, Teppichen und Teppichböden an. Ein muffiger Geruch ist eines der ersten Warnzeichen. Dieser kann bereits vorhanden sein, ohne dass der Schimmel sichtbar ist.
Gibt es einfache und leicht umsetzbare Tipps, mit denen sich die Luftqualität in den eigenen vier Wänden deutlich verbessern lässt, auch ohne grosses Budget?
Unser erster Tipp lautet: Lüften Sie regelmässig die Innenräume, in denen Sie sich aufhalten! Grundsätzlich wird empfohlen, die Fenster weit zu öffnen (wenn möglich querlüften), etwa fünf bis 10 Minuten lang; je nach Belegung mehrmals täglich. Es ist besser, kurz, aber intensiv zu lüften, als ein Fenster über einen längeren Zeitraum angelehnt zu lassen – dies gilt insbesondere im Winter, um Energieverluste zu vermeiden.
Der zweite Tipp lautet, bei der Auswahl von Produkten für die Reinigung, den Unterhalt oder Bastelarbeiten bewusst vorzugehen… Wählen Sie vorzugsweise emissionsfreie Produkte, indem Sie sich an den entsprechenden Kennzeichnungen orientieren.
Worauf sollte man bei der Wohnungssuche oder bei einem Hauskauf bei der Materialwahl achten, wenn man zu Atemwegsallergien oder -erkrankungen neigt?
Im Bauwesen ist es wichtig, die zu erreichenden Gesundheitsziele im Voraus zu berücksichtigen und die Auswahl geeigneter Materialien entsprechend zu planen. Generell gilt: Mineralische Baustoffe (Stein, Ziegel, Mörtel, Beton, Kalk, Glas und Silikatfarbe) sowie Metalle und Massivholz geben keine oder nur sehr wenige Substanzen an die Luft ab. Lösungsmittelfreie Produkte geben deutlich weniger Schadstoffe ab als solche, die Lösungsmittel enthalten. Es ist zudem Vorsicht geboten, da nicht alle als «natürlich» bezeichneten Materialien automatisch ungiftig sind. Es sollten Produkte ausgewählt und verwendet werden, die geprüft wurden und deren Emissionen begrenzt sind.
Auch der Standort sollte berücksichtigt werden, da bekanntlich die Aussenluftqualität die Raumluftqualität beeinflusst – wie zum Beispiel die Nähe einer Hauptverkehrsstrasse oder einer Tankstelle.
Was sind die häufigsten Fehler, die Menschen bei Renovierungsarbeiten begehen, ohne zu wissen, dass sie dadurch die Raumluftqualität verschlechtern?
Das «Stiefkind» der Renovierung ist sehr oft das Konzept der Mindestluftwechselrate gemäss der SIA-Norm 180. Bei den meisten renovierten Gebäuden, bei denen dieses Konzept nicht berücksichtigt wurde oder bei denen gar kein mechanisches Lüftungssystem installiert wurde, verschlechtert sich die Raumluftqualität nach Abschluss der Arbeiten, da die Luftdichtheit zu hoch ist.
Wie lange sollte man nach Renovierungsarbeiten vor dem Einzug warten? Gibt es hierzu eine Regel?
Es gibt keine genaue Regel, doch es wird empfohlen, die Räume mehrere Tage lang gründlich zu lüften. Bei umfangreichen Renovierungsarbeiten, bei denen Farben, Klebstoffe oder neue Bodenbeläge zum Einsatz kommen, sollten Sie im Idealfall einige Wochen mit dem Einzug warten. Sind die Materialien emissionsarm und ist die Belüftung wirksam, lässt sich diese Frist verkürzen und die Belastung durch Schadstoffe in der Raumluft begrenzen.
Bei Neubauten kann es ein bis zwei Jahre dauern, bis das Gebäude seine Baustellenfeuchtigkeit verloren hat. Auch in diesem Fall ist die Belüftung entscheidend.
Was raten Sie einer Person, die seit Jahren unter Beschwerden leidet und nicht weiss, ob sie von der Wohnung verursacht werden?
Wenn die Beschwerden nur zu Hause auftreten, gibt es allen Grund, die Raumluftqualität messen zu lassen. Es gibt Fachbüros, die Messungen von flüchtigen und halbflüchtigen organischen Verbindungen sowie von biologischen Schadstoffen anbieten. Allerdings können diese Messungen relativ kostspielig sein. Ein erster Schritt könnte daher die Anschaffung eines CO₂-Messgeräts sein, um den Grad der Luftstauung in der Wohnung zu überprüfen. Ist dieser hoch, dürfte eine verbesserte Belüftung Abhilfe schaffen. Bestehen die Symptome weiterhin, ist es ratsam, einen Allergologen oder sogar eine Umweltmedizinerin aufzusuchen. Geschulte Fachleute können die Raumluftqualität messen und die betroffene Person dabei unterstützen, die mit ihrer Wohnung verbundenen Probleme besser zu verstehen.