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«Weniger ist mehr»
Kosmetikprodukte enthalten heute weniger klassische Allergene. Trotzdem warnt der Allergologe und Hautarzt Dr. Martin Glatz: Begriffe wie «dermatologisch getestet» oder «hypoallergen» geben keine absolute Sicherheit. Im Interview erklärt er, wie ein Epikutantest abläuft und wie man allergische Reaktionen behandelt.
Wie häufig diagnostizieren Sie eine Kosmetikallergie?
Martin Glatz: Extrem selten. Ich sehe vielleicht vier bis fünf Fälle pro Jahr. Kosmetikallergien nehmen eher ab, zumindest im beruflichen Umfeld wie etwa bei Coiffeurinnen und Coiffeuren. Vor zehn bis fünfzehn Jahren gab es dort noch deutlich mehr Fälle von Allergien. Heute achten die Hersteller von Haarfärbemitteln und anderen Produkten verstärkt darauf, klassische Allergene wegzulassen.
Welche Inhaltsstoffe lösen am häufigsten Kontaktallergien aus?
Das sind die sogenannten Isothiazolinone, eine Familie von Konservierungsstoffen. Duftstoffe gehören ebenfalls zu den häufigen Ursachen.
Das Label «dermatologisch getestet» findet man auf fast jedem Kosmetikprodukt. Wie stehen Sie dazu?
Man kann sich darauf nicht zu hundert Prozent verlassen. «Dermatologisch getestet» ist kein geschützter Begriff. Es heisst lediglich, dass die Firma das Produkt vielleicht an einer bestimmten Anzahl von Probanden getestet hat, die keine Reaktionen gezeigt haben. Das kann seriös sein, muss es aber nicht. Und selbst wenn eine Produktelinie wirklich dermatologisch getestet ist, garantiert das noch nicht, dass niemand darauf allergisch ist.
Wie testen Sie, worauf jemand allergisch reagiert?
Dazu dient der sogenannte Epikutantest. Dabei werden mittels Pflaster Testsubstanzen auf dem Rücken aufgetragen. Diese bleiben ein bis zwei Tage drauf. Man kann eigene Produkte zum Testen mitbringen, etwa eine Gesichtscreme oder ein Haarfärbemittel. Oder man testet einzelne chemische Reinsubstanzen. Nach zwei Tagen wird das Pflaster entfernt, und nach insgesamt drei oder manchmal auch erst nach vier Tagen wird die Haut dann auf mögliche Reaktionen kontrolliert.
Wie wird eine Kontaktallergie behandelt?
Am besten das Produkt sofort weglassen. Wenn bekannt ist, welcher Inhaltsstoff die Reaktion ausgelöst hat, sollte man diesen konsequent meiden. Bei akuten Beschwerden hilft eine Kortisoncreme, die gezielt auf die betroffenen Stellen aufgetragen wird. Mit der richtigen, verschreibungspflichtigen Creme klingen die Symptome oft schon nach wenigen Tagen ab.
Zur Person: Martin Glatz ist Facharzt für Dermatologie und Venerologie sowie für Allergologie und klinische Immunologie. Er ist Inhaber und ärztlicher Leiter der Facharztklinik «allergie+haut ²» in Uster.