Vom anaphylaktischen Schock zurück ins Leben – ein Erfahrungsbericht
Ein Hornissenstich veränderte das Leben von Usch Vollenwyder innerhalb weniger Minuten. Im Gespräch erzählt sie, wie sie den lebensbedrohlichen anaphylaktischen Schock erlebt hat, welche Ängste danach entstanden sind und warum sie sich heute wieder sicherer fühlt.

Usch Vollenwyder
Anaphylaxie-Betroffene
Wie haben Sie gemerkt, dass Sie auf Hornissen allergisch sind?
Wir sassen an einem schönen Sommertag auf unserer Laube und assen zu Mittag, als eine offensichtlich kranke Hornisse von einem Holzbalken herunterfiel, sich jedoch wieder aufrappelte und erneut in die Höhe flog. Spasseshalber fragte ich meinen Mann, ob wir wohl den Tisch verschieben sollten. In diesem Moment fiel die Hornisse zum zweiten Mal herunter, streifte meinen Arm und blieb tot am Boden liegen.
Ich habe keinen eigentlichen Stich bemerkt. Doch etwa eine Minute später merkte ich plötzlich, dass etwas nicht stimmte. Ich konnte es zunächst gar nicht beschreiben – mir war einfach schlagartig nicht mehr wohl. Kurz darauf wurde meine Haut rot und ich spürte, wie es in meinem Hals eng wurde. Da war mir klar: Wir müssen sofort ins Spital.
Was passierte im Spital?
Im Notfall bekam ich zunächst Medikamente gegen die allergische Reaktion. Zuerst schien sich alles zu beruhigen. Doch nach kurzer Zeit änderte sich die Situation schlagartig.
Plötzlich war das Zimmer voller medizinischen Personals. Ich hörte jemanden «anaphylaktischer Schock» sagen. Mir wurde eine Sauerstoffmaske aufgesetzt und ich bekam weitere Medikamente gespritzt. Ich wusste, dass es jetzt ernst wurde.
Wann wurde Ihnen klar, wie gefährlich die Situation gewesen war?
Eigentlich erst einige Tage später. Im Spital bekam ich sofort ein Notfallset mit Adrenalin. Wirklich Angst bekam ich aber erst, als meine Hausärztin mir erklärte, wie schwer meine Allergie tatsächlich ist. Und als mir bewusst wurde, dass ich nicht nur auf Hornissen-, sondern auch auf Wespengift allergisch reagiere (Anmerkung der Redaktion: Es ist dasselbe Gift).
Später stellte sich heraus, dass es sich um eine Insektengiftallergie des Schweregrads IV handelt. Wäre ich nicht so schnell medizinisch versorgt worden, hätte ich wahrscheinlich nicht überlebt.
Wie hat das Ihr Leben verändert?
Am Anfang sehr stark. Ich musste erst lernen, was diese Diagnose überhaupt bedeutet. Ich begann, alles über Wespen und Hornissen zu lesen und informierte mich intensiv.
Ich wohne auf dem Land. Um unser altes Holzhaus herum leben viele Insekten. Deshalb haben wir vor den Fenstern Insektenschutzgitter montieren lassen. Ich gehe draussen nicht mehr barfuss, trage beim Gärtnern lange Kleidung und Handschuhe und esse während der Wespenzeit nicht mehr draussen.
Mit der Zeit habe ich aber gemerkt, dass ich nicht mein ganzes Leben von der Angst bestimmen lassen möchte. Es geht darum, zwischen Sicherheit und Lebensqualität einen guten Weg zu finden.
Warum haben Sie sich für die spezifische Immuntherapie entschieden?
Zunächst war ich unsicher. Immerhin bin ich schon 75-jährig und die Therapie dauert mehrere Jahre.
Heute bin ich sehr froh, dass ich sie begonnen habe. Die Behandlung gibt mir ein deutlich besseres Gefühl. Natürlich trage ich mein Notfallset weiterhin immer bei mir. Trotzdem habe ich heute viel mehr Vertrauen, dass ich im Ernstfall besser geschützt bin.
Was hat Ihnen ausserdem geholfen?
Mir hilft Wissen. Deshalb habe ich nach meiner Entlassung aus dem Spital sofort nach Informationen gesucht und bin auf die Schulungen von aha! Allergiezentrum Schweiz gestossen.
Dort habe ich gelernt, wie ich den Adrenalin-Autoinjektor richtig anwende, konnte mich mit anderen Betroffenen austauschen und merkte schnell, dass ich mit meinen Sorgen nicht allein bin.
Was möchten Sie anderen Betroffenen mitgeben?
Man kann sein Leben nicht vollständig kontrollieren. Ein Restrisiko bleibt immer. Aber man kann viel tun, um sich zu schützen.
Ich würde jedem empfehlen, sich gut zu informieren, das Notfallset konsequent mitzuführen und – wenn medizinisch empfohlen – eine Desensibilisierung ernsthaft in Betracht zu ziehen. Sie hat mir ein grosses Stück Lebensqualität zurückgegeben.
Dies ist ein Erfahrungsbericht einer betroffenen Person. Dieser beschreibt eine persönliche Erfahrung und ersetzt keine medizinische Beratung.